TROJANER LEPSIUSHAUS - MÖGLICHST SCHNELL WEG!
Die Bundestagsresolution enthielt sehr hehre Worte. Die deutschen Parlamentarier hatten sich bei uns, dem armenischen Volk, sogar entschuldigt und an die Mitverantwortung des Kaiserlichen Deutschland erinnert. Da wäre es schäbig von uns gewesen, ihre Bitte um Aussöhnung abzuschlagen, eine Aussöhnung, an der natürlich auch Türken beteiligt sein müßten, denn sie waren es ja schließlich, die uns physisch umgebracht hatten. Und wer konnte schon etwas gegen eine Kommission von Historikern haben, wo wir doch alle wissen, daß die Frage, ob die Ereignisse von 1915 bis 1917 im Osmanischen Reich ein Völkermord an den Armeniern war oder nicht, von seriösen Historikern längst entschieden war - pro Genozid.
Und dann hatte der Bundestag in seine Resolution schließlich auch unseren Nationalheiligen aufgenommen - Johannes Lepsius. Allein durch seine Erwähnung war sichergestellt, daß alles nur Mögliche für uns Armenier getan wird. Schließlich sollte ihm darüber hinaus ein verdientes Denkmal in Form des Lepsiushauses in Potsdam errichtet werden. Einen idealeren Platz als dieses Haus für eine Versöhnung mit Türken und Kurden konnte es nicht geben.
Auch der Herbergsvater dieses Hauses garantierte Seriosität und Kontinuität. Ein wahrer Kenner der armenischen Kirche, verbriefter Professor und mehrfacher Doktor, hatte er schon während der dunklen Jahre vor unserer Unabhängigkeit - und auch der seines Landes, denn er stammt aus der ehemaligen DDR - mit vielen Reisen nach Armenien goldene Brücken gebaut und auch die gesamte Familie Lepsius bestens bei uns eingeführt.
Kritik an solch idyllischen Zuständen? Es konnten nur Neider sein, die darauf hinwiesen, daß unser Herbergsvater nie etwas über den Völkermord geschrieben hatte. Und als diese Neider auch noch herauskramten, daß sich unser Herbergsvater mit dem amerikanischen Professor an der Princeton-Universität, Heath W. Lowry, einem notorischen Genozidleugner, verbündete, um den damaligen amerikanischen Botschafter in Konstantinopel, Henry Morgenthau, als Deutschen-Hetzer zu entlarven, da konnten wir doch nicht empört sein, denn sein Sohn wollte schließlich aus Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg eine Agrarnation machen. Deshalb warf unser Herbergsvater ihm ja zu Recht vor, er habe wohl nur wegen seiner Jugenderlebnisse die Deutschen als mitschuldig bzw. schuldig an zwei Völkermorden, dem armenischen Genozid und dem jüdischen Holocaust bezeichnet. Eben ein Deutschenhetzer junior.
Aber das ist die Vergangenheit. Die Gegenwart sieht viel rosiger aus, und sie ist nachzulesen im Jahresprogramm des Lepsiushauses. Dort wird an vielen Stellen angekündigt, daß sich Türken im Lepsiushaus mit Armeniern treffen würden. Die Annäherung der beiden Völker ist schließlich eine Forderung der Bundestagsresolution. Allerdings war noch nie ein Türke im Lepsiushaus, wie unser Landsmann Gerayer Koutcharian feststellte und ein anderer Neider behauptet gar, das Armenierhaus sei die höchste Hürde für ein Versöhnungstreffen zwischen den alten Feinden, weil Johannes Lepsius sich mit den Türken nicht aussöhnen, sondern sie konvertieren wollte. Sollten wir deshalb das höchste Gremium der gewählten Vertreter jenes Landes brüskieren, das uns gastlich aufgenommen hat?
Außerdem stimmt das mit der Ablehnung des Lepsiushauses durch die Türken überhaupt nicht. Sicher, sie haben jahrelang gegen diese Institution polemisiert und ihre Zeitungen gegen unser Lieblingsprojekt aufgehetzt. Aber jetzt kriechen sie uns zu Kreuze, ganz wie unser Johannes Lepsius sich das einmal gewünscht hat. Sie wollen das noch vor kurzem verfluchte Lepsiushaus sogar in eine historische Kommission aufnehmen, es also edeln. Das Lepsiushaus mit seinen hochvermögenden Vertretern geistiger und geistlicher Provenienz wird dafür sorgen, daß zwischen der Türkei und unserer Republik alles so läuft, wie wir Armenier in Deutschland es uns vorstellen. Was die Türken noch gar nicht ahnen: In dem trojanischen Pferd Lepsiushaus, das sich ihre Regierung in die Verhandlungsrunde mit der Republik Armenien holt, sitzen klammheimlich armenische Krieger. Und wenn die Türken morgens aufwachen, werden sie sich wundern: die vermeintlich schwachen Armenier haben sie besiegt!
Unser Herbergsvater muß nur etwas vorsichtiger sein und darf sich nicht so weit aus dem Fenster - sprich Pferdemund - lehnen. Er muß sein konspiratives Spiel perfekt zu Ende bringen, dann wird er ein Held wie sein Vorbild Johannes.
So, nun muß der pfiffige Plan nur noch an die Stabsstelle Lepsiushaus transportiert werden, und dann geht’s los.
Im Internet ist alles schnell gefunden. Das Lepsiushaus ist ein Projekt des Evangelisch-Kirchlichen Hilfsvereins, Verwaltungsvorstand für das Lepsiushaus ist Peter Leinemann. Das Lepsiushaus steht auf der Web-Seite direkt unter Garnisonskirche, die ebenfalls wieder aufgebaut werden soll. Und deren Geschäftsführer ist ebenfalls Peter Leinemann.
Moment mal: Garnisonskirche! Das Symbol Nummer eins für preußischen Militarismus! In ihr begann Hitlers nominale Herrschaft am 21. März 1933, dem „Tag von Potsdam”. Weil der Reichstag abgebrannt war, empfing hier der höchste Repräsentant der schwarz-weiß-roten Vergangenheit, Paul von Hindenburg (mit Pickelhaube), den Repräsentanten der braunen Gegenwart, Adolf Hitler (mit tiefem Diener, seinem einzigen), und gab dem neuen Kanzler den preußischen Ritterschlag.
Garnisonskirche und Lepsiushaus unter einer Geschäftsführung? Spendeten wir Armenier etwa gar nicht für den Wiederaufbau des Hauses unseres geliebten Johannes Lepsius, sondern für den Wiederaufbau des preußischen Militarismus? Lepsius verehrte schließlich den Preußenkönig über alles und verachtete die Demokratie. Also passen Lepsiushaus und Garnisonskirche perfekt zusammen und wir haben es nur nicht gemerkt.
Stimmt es vielleicht doch nicht mit unseren armenischen Kämpfern im trojanischen Pferd? Sitzen in ihm vielleicht preußische Grenadiere mit Pickelhaube? Und wenn unsere Verhandlungsführer schlafen, fallen die dann zusammen mit den Genozidleugnern aus der Türkei über uns her?
Alles ist offenbar so wie gehabt. Wir haben es nur zu spät gemerkt, wie so oft, und sollten das tun, was wir immer tun mußten, um uns zu retten: Fliehen, möglichst schnell weg!
Haik Petrosian
06.02.2010

