DAS KLOSTER MOR GABRIEL UND UNSERE GEMEINSAME VERANTWORTUNG FÜR DIE CHRISTEN IN MESOPOTAMIEN


Am 25. Januar fand in Berlin eine bemerkenswerte Demonstration statt: Über 15.000 Assyrer/Aramäer waren aus allen Teilen Deutschlands gekommen, um dagegen zu protestieren, dass das im Tur Abdin gelegene Kloster Mor Gabriel in seiner Existenz bedroht wird. Dieses über 1600 Jahre alter Kloster ist ein bedeutendes religiöses Zentrum der syrisch-orthodoxen Christen. Es ist zugleich auch ein Ort, wo Sprache und Kultur der Assyrer/Aramäer gepflegt wird. Der Versuch eines einflussreichen, lokalen kurdischen Politikers von der Regierungspartei AKP, Ländereien des Klosters an sich zu reißen, beschäftigt seit einiger Zeit die Gerichte. Mit der Behauptung, das Kloster sei angeblich auf einem Grundstück errichtet worden, wo früher eine Moschee gestanden habe, wird zusätzlich die Existenz des Klosters bedroht.

 

Die christliche Bevölkerung des Tur Abdin ist in den vergangenen 30 Jahren auf eine kleine Zahl zusammengeschrumpft. Nur noch 3000 Christen sollen dort leben, wo einst eine Hochburg des Christentums in Mesopotamien war. Kurden, die auf der Seite des türkischen Staates gegen die kurdisch-nationale Befreiungsbewegung kämpfen, nutzen ihre Macht, um sich in diesem Krieg  straflos das Eigentum der Christen in der Region anzueignen. Die ohnehin schwere Lage der Christen hat sich nach 1980 dramatisch verschlechtert und zu einer massiven Fluchtbewegung geführt. Viele Assyrer/Aramäer leben seitdem in Deutschland, Schweden und Holland. In einer Zeit, wo durch Krieg, Unterdrückung und Diskriminierung Millionen von Menschen gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen, ist die Tragödie der Assyrer/Aramäer kaum zur Kenntnis genommen worden.

 

Die letzten Reste eines alten, christlichen Volkes mussten ihre Heimat verlassen und fanden sich in einer Welt wieder, die von ihrer Existenz kaum Kenntnis hatte. Die Geschichte der Assyrer/Aramäer und der Armenier weist viele Gemeinsamkeiten auf. Nachdem die Heimat dieser Völker unter türkisch-osmanische Herrschaft fiel, bestimmten immer mehr Unterdrückung und Verfolgung ihr Leben. Die Leiden dieser Völker erreichte während des 1. Weltkrieges, als die türkisch-nationalistische Regierung ihren mörderischen Plan zur Schaffung eines rein türkisch-muslimischen Staates umzusetzen begann, einen grausamen Höhepunkt: Genozid.

 

Ab 1980 wurde die europäische Öffentlichkeit und Politik plötzlich mit der Frage der Anerkennung des Genozids an den Armeniern konfrontiert. In dieser Zeit hat die armenische Diaspora durch ihre Aktivitäten erreichen können, dass die Welt davon erfuhr, dass in der Türkei einst Armenier lebten, die durch einen Genozid fast vollständig vernichtet wurden. Nachdem das Europäische Parlament im Juni 1987 die Türkei in einem Beschluss aufgefordert hatte, den Genozid an den Armeniern anzuerkennen, kam diese Forderung auch auf die Tagesordnung anderer nationaler Parlamente in Europa. Inzwischen hat selbst der Bundestag die verbrecherische Politik der türkischen Regierung verurteilt, die Mitschuld Deutschlands daran anerkannt und die Türkei aufgefordert, sich ihrer Geschichte zu stellen. Während in dieser Zeit der Genozid an den Armeniern wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit und Politik gelang, blieb das Schicksal der Assyrer/Aramäer völlig unbeachtet.

 

Als Armenier haben wir einen langen, hartnäckigen Kampf gegen das Vergessen geführt. Wir wissen, dass es notwendig ist, ständig dafür zu sorgen, dass das Genozid-Verbrechen nicht in Vergessenheit gerät. Aus eigener Erfahrung wissen wir auch, was es bedeutet, wenn ein Genozid einfach vergessen, verdrängt oder geleugnet wird. Die wichtigste, politische Aufgabe der armenischen Diaspora bildete die Anerkennung des Genozids. Dies wurde weitgehend erreicht, trotz des enormen Widerstandes der Türkei und der Kräfte, die ihre Leugnungspolitik unterstützt haben.

 

Es kann keinen Zweifel geben: Entsprechend der UN-Konvention vom 9. Dezember 1948 muss die Vernichtung der Assyrer/Aramäer als Genozid betrachtet werden. Es ist ein Genozid, der sogar noch mehr in Vergessenheit geraten ist, als der an den Armeniern.. Und es ist heute höchste Zeit, dass dieser Genozid, den die Assyrer/Aramäer in ihrer Sprache als „Seyfo“ bezeichnen, auf die politische Tagesordnung kommt und anerkannt wird. Es geht bei den Assyrer/Aramäern aber nicht nur darum, einen vergangenen Genozid anzuerkennen. Auch heute sind die Reste dieses Volkes in Mesopotamien bedroht. Die Zukunft der Christen im Norden des Irak ist völlig ungewiss. Viele haben in den vergangenen Jahren ihre historische Heimat verlassen, um dem zunehmenden Terror zu entfliehen. Die internationale Gemeinschaft unternimmt nichts für den Schutz der Assyrer/Aramäer in Mesopotamien. Sie bleiben als schwächste ethnisch-religiöse Gemeinschaft den Übergriffen ihrer Nachbarn wehrlos ausgeliefert.

 

Auf der Demonstration in Berlin wurde deutlich, dass die Assyrer/Aramäer vor allem darauf hoffen, dass kirchliche bzw. christliche Kreise sich für ihre Belange einsetzen und sie unterstützen. Sicher hängt dies auch damit zusammen, dass die Religion bis heute eine sehr große Bedeutung bei den Assyrern/Aramäern spielt. Die zwei großen westlichen Kirchen haben in den vergangenen Jahren ein Herz für die verfolgten Christen entdeckt und bekunden christliche Solidarität mit ihnen. Dies wurde in den Reden auf der Abschlusskundgebung deutlich. Doch wie ernst ist diese Solidarität mit den Christen des Orients? Was haben sie im 19. und 20. Jahrhundert getan, um sie vor Verfolgung und Genozid zu schützen? Was wird heute konkret getan, um die Existenz zu schützen und ihre Rechte zu verteidigen? Wenn man sich die Reden der europäischen Kirchenvertreter anhört, wird man nicht das Gefühl los, als ob sie wieder versuchen, diese verfolgten „Glaubensbrüder und Schwestern“ für ihre eigenen Interessen zu instrumentalisieren.

 

Wer auf der Demonstration in Berlin war, wird bemerkt haben, dass unter den über 15.000 Menschen kaum mehr als 1% Deutsche waren. Es ist ein Sonntag, am Vormittag fanden in Berlins Kirchen Gottesdienste statt. Wurden die Gläubigen dazu aufgerufen, sich an der Demonstration zu beteiligen, um so ihre Solidarität mit Christen im Tur Abdin zu bekunden? Wenn die Pfarrer tatsächlich zur Teilnahme an der Demonstration für das bedrohte Mor Gabriel aufgerufen haben, dann war die Resonanz sehr gering. Vor 15.000 Assyrer/Aramäern auf die Bedeutung Mor Gabriels als Pilgerort für das Christentum auf der ganzen Welt hinzuweisen und von „christlichen Schwestern und Brüdern“ zu sprechen ist natürlich einfach und wird vielen Demonstranten geschmeichelt haben. Aber es geht eigentlich nicht darum eine „Pilgerstätte“ für die Christen auf der Welt zu retten, sondern um die Existenz der syrisch-orthodoxen Kirche, um das Überleben der Assyrer/Aramäer in ihrer historischen Heimat. Nichts verdeutlichte die mangelnde Unterstützung seitens der deutschen Christen mehr, als ihre fast völlige Abwesenheit auf der Demonstration am Sonntag in Berlin.

 

Mit wohlklingenden Sonntagsreden und verbalen Solidaritätsbekundungen werden die letzten Christen im Tur Abdin nicht gerettet. Sowohl die Öffentlichkeit , als auch Politik und Kirchen müssen sich nicht nur mit konkreten Forderungen, sondern auch mit Taten für den Schutz der Christen im Tur Abdin und Mesopotamien einsetzen –  bevor es zu spät ist.

 

Toros Sarian

27.01.2009


  1. Tawdi Sagi! Toros Sarian für den Artikel und die bekundete Solidarität mit dem assyrisch-aramäischen Volk, das in seiner Heimat Assyrien (Mesopotamien) von mehreren Seiten physisch und psychisch attackiert, schikaniert, verfolgt und in seiner Existenz bedroht wird, wie zum Beispiel in der Türkei von den Kurden und der türkischen Regierung und im Irak von Kurden, Arabern und islamistischen Organisationen.

    Den Europäern geht es um ihre wirtschaftlichen und politischen Interessen. Was mit den christlichen Völkern im Nahen Osten geschieht, interessiert sie nicht im Geringsten und hat sie auch in der Vergangenheit nicht interessiert. Der Völkermord von 1915 gegen die Assyrer und Armenier und die Vertreibungs- und Unterdrückungspolitik danach wurden vor den Augen der westlichen Mächte und Staaten in die Tat umgesetzt.

    Kommentar von Assyrerin — 28. Januar 2009 @ 20:25

  2. Vielen Dank, Herr Sarian.
    Sie bringen die Probleme und Schwierigkeiten der Assyrer, aber auch der Armenier sehr zutreffend auf den Punkt. Dass was die europäische Politik nur halbherzig angeht und die europäischen Medien weitgehend ignorieren, haben Sie sehr gut herausgearbeitet. Sie haben absolut recht, dass man die Genozide an den Armeniern, Pontus-Griechen und Assyrern/Aramäern nicht vergessen darf. Es ist die Verantwortung aller Nachfahren der Opfer der Völkermorde von 1914/1915 sich dafür einzusetzen, dass die Geschehnisse von 1914/1915 der Weltöffentlichkeit zugänglich gemacht werden und niemals vergessen werden dürfen. Die EU muss den Druck auf die Türkei erhöhen, damit diese dafür sorgt, dass ein Mentalitätswandel in der Türkei stattfindet und gesetzlich verankern, dass jeder Übergriff gegen Christen und anderen Minderheiten mit harten Strafen verfolgt wird.
    Weiterhin muss die EU dafür sorgen, dass die Türkei die Religionsfreiheit in der türkischen Verfassung verankert - nicht nur auf dem Papier, sondern auf faktisch umsetzt.

    Nochmals danke ich Ihnen für die gute Rede auf der Kundgebung und Ihren Artikel.

    Kommentar von Kuryo — 29. Januar 2009 @ 8:45

  3. zu Adam:

    Lass von diese´m Fanatismus ab. Die Türken und Kurden fragen bei ihren Übergriffen und Enteignungen nicht danach, ob du Aramäer oder Assyrer bist. Du lebst in einem demokratischen Staat. Daher solltest du versuchen, die Meinung anderer zu respektieren, wie die anderen es auch tun. Mit deinem Beitrag machst du dich nur lächerlich.

    Kommentar von Kuryo — 29. Januar 2009 @ 8:49

  4. Parev Hayestan

    Vielen Dank für die Rede auf der Kundgebung und den Artikel.

    Gott schütze Armenien

    Kommentar von michele — 29. Januar 2009 @ 13:47

  5. zu Oromoyo:

    Dein Kommentar ist beschämend. Du bist genauso wie dein Freun Adam, wahrscheinlich seit ihr ein und die selbe Person. Ich werde hier nichts zu deiner primitiven Argumentation schreiben, weil dies zunächst nicht der richtige Ort ist und darüber hinaus ist unter meiner Würde, bei einer derart wichtigen Problematik wie es im Falle von Mor Gabriel der Fall ist, mich mit Fanatikern wie dir, die meinen die Weissheit mit Löffeln gegessen zu haben, zu beschäftigen. Wenn du mir etwas schreiben willst, kannst dies gerne privat machen, aber nicht in so einem Forum.

    Entschuldigen Sie bitte Herr Sarian, dass solche Personen die Intention Ihres Artikels nicht erkennen.

    Kommentar von Kuryo — 31. Januar 2009 @ 14:05

  6. Danke für diesen schönen Artikel!

    Assyrer(Suryoyo) aus Gütersloh

    Kommentar von Johannes — 31. Januar 2009 @ 17:41

  7. gratuliere Toros ! ein hervorragende artikel.Es ist wichtig das opfer7Nachfahren der opfer/unterdruckte/entrechtete miteinander solidasieren.

    die diskussion aramäer/ assyrer ist für aussenstehende unverständlich.Ich kann als Armenier kann nicht nachvollziehen dass wenn jemand der Begriff assyrer benutzt Rassismus sein muss.

    als ein armenier der besorgt ist über die Situation der christen kann ich an euch appelieren ein lösung für diese ewige diskussion zu finden.wir haben eine Menge existenzielle probleme die wir gemeinsam lösen müssen
    Raffi bedikian

    Kommentar von Bedikian Raffi — 31. Januar 2009 @ 22:35

  8. Herzlichen Dank an Herr Sarian für die Solidarität mit Kloster Mor Gabriel und somit auch unser Volk.
    2000 Jahre lang hießen die syrisch- orthodoxe Christen Suryoye (Syrer,Süryani). Man sollte diesen Namen nicht Diffamieren, sondern den verdienten Respekt erweisen. Man kann sich seine Identität nicht aussuchen, alle unsere Kirchenväter und Weisen vor und n.Chr. bis in die Gegenwart bezeugen das die Suryoye ( Süryani) nachfolger der Aramäer sind. Jeder der sich mit unserer Geschichte beschäftigt, bekommt die Bestätigung und so bezeugt auch unser jetzige Patriach der syrisch- orhodoxen Kirche ( Süryani orthodox Kilisesi) Mor Ignatius Zakka Iwas der I.
    Ein Zitat aus dem Buch, die syrisch- orthoxe Kirche durch die Jahrhunderte: Die syrische Sprache selbst ist die aramäische Sprache und die Aramäer selbst sind Syrer ( Suryoye, Süryani). Wer auch immer einen Unterschied zwischen Ihnen gemacht hat, hat sich geirrt.
    Die Aramäer, die sich fälschlicher Weise seitdem sie aus Tur- Abdin ausgewandert sind als Assyrer bezeichnen, sollten auch erklären können wie sie diesen seit paar Jahren erfundenen Namen für unser Volk rechtfertigen.
    Niemand hat das Recht eine Volkgruppe einen Namen aufzuzwingen und schon garnicht von seinen Artgenossen.
    Mein Appel nochmal, die eigene Geschichte lesen, lesen, lesen….
    dann löst sich diese Frage von selbst.
    Schlome u ikore la nahire

    Kommentar von Realist — 31. Januar 2009 @ 23:08

  9. europa und die restliche welt werden nichts dagegen tuen das momentan über hundert millionen christen in der welt wegen ihrer religion verfolgt werden.in 30 jahren wird es in europa auch christen verfolgung geben.dann heisst es für uns wieder koffer packen und bye bye

    Kommentar von abgar — 3. Februar 2009 @ 23:57

  10. Shlomo myakro Toros,

    Sehr geehrter Herr Sarian,

    Ich bin von Ihrer rede so begeistert und fand dieses sehr wichtig. Ohne Ihre Worte hätte vieles von dieser Demonstration gefehlt, deswegen habe ich ihre rede Vollständig auf Youtube Hochgeladen. Es können Weltweit alle Menschen sich anhören.

    Wir haben wie sie sagten eine ähnliche vergangenheit (Verfolgung, Massaker, vertreibung) und müssen in Zukunft Zusammenhalten und bei Demonstrationen alle dabei sein um Flagge zu Zeigen.

    Nur Gemeinsam sind wir Stark.
    Europa darf und sollte diesemal nicht zu schauen wie die Christen durch Ihre Religion unterdrückt werden, vorallem nicht von einem EU Kandidat??? und NATO Partner wie die Türkei.
    Gott beschütze dich, deine Familie, dein Volk und die Christen auf der Welt.
    Ich sage vom Ganzen Herzen
    TAUDI SAGI (Vielen Dank)

    Liebe Grüße aus Giessen

    IsaDanho

    Kommentar von IsaDanho — 5. Februar 2009 @ 19:37


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